Upfit Podcast #13: Mit Prof. Dr. Katja Kröller - Veränderung beginnt im Kopf und gesunde Essgewohnheiten ebenso

In Upfit Podcast #13 erklärt uns Ernährungspsychologin Prof. Dr. Katja Kröller, warum es uns besonders schwer fällt, ungesunde Essgewohnheiten abzulegen und wie bereits im Kindesalter die richtige Erziehung die Weichen für gesunde und ausgewogenen Ernährung stellt. Neben wertvollen Tipps und Tricks für Kopf, Geist und Seele, sprechen wir auch über das Scheitern von herkömmlichen Diäten, warum Verbote genau das Gegenteil bewirken und Süßigkeiten zuhause sogar beim Abnehmen helfen können. Eine volle Ladung Ernährungswissen verdaulich aufbereitet von unserem Upfit Podcast Host Till.

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Unser Gast: Prof. Dr. Katja Kröller

Fachbereich:

Ernährungs- und Gesundheitspsychologie

Qualifikationen:

Dipl. Psychologin

Professur für Ernährungspsychologie im Fachbereich Landwirtschaft, Ökotrophologie und Landschaftsentwicklung (Hochschule Anhalt)

Professur für Gesundheitspsychologie (Hochschule für Gesundheit & Sport, Technik und Kunst)

AGA-zertifizierter Adipositastrainer für Kinder und Jugendliche

Ausbildung zur Diätassistentin (Berlin)


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Transkript zum Podcast

Intro

Till [00:00:00] Herzlich willkommen zum Podcast von Upfit, deinem Ernährungscoach für die Hosentasche, der gesunde Ernährung leicht macht. 100 Prozent individuelle Ernährungspläne für dein persönliches Ziel per Smartphone-App. Tausende haben bereits ihre Erfolgsgeschichte mit Upfit geschrieben. Auch Top-Athleten und Ernährungsberater vertrauen auf unser Know-how. Warum das so ist, schaust du am besten selbst an unter www.upfit.de und jetzt geht es los mit dem Podcast. 

Vorstellung Gast: Prof. Dr. Katja Kröller

Till [00:00:30] Hallo und herzlich willkommen liebe Upfit Podcast Hörer. Ich habe heute einen sehr spannenden Gast bei mir, nämlich eine Professorin für Ernährungspsychologie. Das ist die Frau Dr. Katja Kröller. Hallo Frau Doktor. 

Prof. Dr. Katja Kröller [00:00:44] Hallo 

Till [00:00:45] Wie geht es Ihnen? Wo sind Sie gerade? 

Prof. Dr. Katja Kröller [00:00:47] Zu Hause im Homeoffice und die Kinder werden beschult, sodass alles praktisch wie normal, aber eben von zu Hause läuft. 

Till [00:01:00] Ja, ich glaube, so geht es im Moment allen. Es ist immer noch Corona-Krise, aber wir reden heute über das Thema Ernährung. Und zwar hat Frau Dr. Kröller einiges interessantes in der Forschung gemacht. Sie war auch schon Dekanin für Gesundheitspsychologie in Berlin und ist aktuell tätig in Bernburg als Professorin für Ernährungspsychologie. Und da können wir natürlich ein paar Überschneidungspunkte finden. Ich würde mal anfangen, weil ich das selbst total spannend finde und noch überhaupt keine Ahnung von diesem Thema habe. Sie haben promoviert zu dem Thema “Die mütterliche Steuerung in der Essenssituation”. Da geht es so ein bisschen darum, wo kommt das eigentlich her, dass wir bestimmte Nahrungsmittel präferieren? Ist das korrekt? Und können Sie vielleicht darüber ein bisschen was erzählen?  

Die Rolle der Eltern bei der Entwicklung von Nahrungsmittel-Präferenzen ihrer Kinder

Prof. Dr. Katja Kröller [00:01:43] Ich muss vielleicht doch ein bisschen korrigieren, weil es nicht ganz klar ist, was aus dem, wie Eltern versuchen, die Essenssituation der Kinder zu begleiten oder es tun, was davon auch dafür verantwortlich ist, dass ich nachher bestimmte Dinge präferiere bzw. was kurzzeitige Folgen sind. Also was jetzt praktisch bei Ihnen als Erwachsener noch übrig ist, kann ich gar nicht so gut sagen. Fakt ist, dass etwas übrigbleibt. Und das Spannende ist, dass egal was die Eltern tun, sie steuern so oder so. Also ich kann das absichtlich machen, dann habe ich einen absichtlichen Part, den kann ich vielleicht auch beschreiben. Aber auch wenn ich praktisch nur neben dem Kind sitze, habe ich einen Einfluss darauf. Und das ist das, was ich jetzt auch ganz spannend fand, was ich bei den Studien, die ich da gemacht habe, entdeckt habe.  

Till [00:02:44] Okay, es ist also der direkte Kontakt notwendig, um Einfluss zu nehmen. Wie ist es denn, wenn jetzt Kinder übergewichtig sind? Da haben wir heutzutage einige von uns die Möglichkeiten, den Eltern Mittel und Wege zu zeigen, wie sie da mit ihrem Kind arbeiten können? Und welche Mittel und Wege wären das? 

Prof. Dr. Katja Kröller [00:03:05] Tatsächlich ist ja der allererste, dass man erst mal so ein paar Sachen, ich sage jetzt mal ein bisschen übertrieben, verbieten sollte. Was Eltern nämlich häufig tun, was auch normal ist, wenn das Kind übergewichtig ist, versuchen einzuschränken, was das Kind isst, wie viel das Kind isst. Also auch auf die nette Art sage ich jetzt mal, das Kind möchte sich noch eine zweite Portion nehmen, dann sagt man auch „Ich denke aber, die erste Portion ist genug“ oder man sagt eben so und so viel Süßigkeiten. Dieses, was wir als Restriktion bezeichnen in der Wissenschaft, ist etwas, was aber dazu führt, dass man das, was man da gerade verboten bekommt, noch mehr möchte. Das funktioniert bei allen, wenn Sie mir jetzt sagen, ich darf das und das nicht mehr tun, also ich darf vielleicht gerade nicht mehr draußen spazieren gehen, dann ist das genau das, was ich aber gerade gerne möchte. Und so funktioniert das auch bei den übergewichtigen Kindern. Also das wir den Eltern erst mal empfehlen würden. Weniger Restriktion, sondern eher, das bezeichne ich dann als Monitoring oder als beobachtende Kontrolle, versuchen eine Umgebung zu schaffen, wo weniger Angebot beispielsweise auch da ist. 

Till [00:04:23] Ja, das klingt total sinnvoll. Also ist auch ein Tipp, den ich als Trainer und Berater immer häufig gebe. Einfach die Sachen gar nicht erst zu Hause haben. Risikosituationen aus dem Weg gehen in dem Sinne oder bzw. das auch als Strategie im Vorfeld schon parat haben, damit es einem leichter fällt, eben den Suchtstoffen aus dem Weg zu gehen. Ist es denn so, dass man auch versucht, die Kinder selbst mit einzubinden? Oder versucht man als Eltern dann eher wirklich autoritär aufzutreten? 

Prof. Dr. Katja Kröller [00:04:54] Also das wäre zum Beispiel was, wo ich auch von abraten würde, das hat immer einen gegenteiligen Effekt. Kinder tragen viele Autonomiekonflikte tatsächlich auch übers Essen aus. Das liegt vor allem daran, weil sie an der Stelle viel Autonomie haben können. Also ein Kind dazu zu zwingen, etwas zu essen ist schwer und das merken Kinder. Dementsprechend ist Autorität an der Stelle tatsächlich nicht geeignet. Man sollte die Kinder bei allem eigentlich versuchen mitzunehmen. Sei es beim Einkauf, wo die Kinder dann schon mal sagen können „Ich hätte gerne dieses Gemüse oder dieses Obst“, weil sie, wenn sie die Wahl haben, an irgendeiner Stelle tatsächlich auch zeigen konnten, dass dann die Präferenz dafür auch deutlich höher ist. Also Sie mögen dann auch lieber das, was Sie sich eben selbst ausgesucht haben. Das macht auch eigentlich Sinn. 

Till [00:05:54] Okay, und dann ist es natürlich sinnvoll, die Kinder nicht vor eine freie Wahl zu stellen, sondern zu sagen „Möchtest du lieber Äpfel oder Mandarinen haben“, damit man auf jeden Fall ein gesundes Obst hat und dann nicht die Antwort zu „Was möchtest du gerne haben?“ „Chips“ kommt. 

Prof. Dr. Katja Kröller [00:06:09] Genau das ist ja auch etwas, was man von sich selber ableiten kann. Wenn wir die Wahl haben zwischen Schokolade und Apfel, also die Mehrzahl würde sich an der Stelle auch für die Schokolade entscheiden. Es sollte schon so wie ich vorhergesagt hatte, der Rahmen muss stimmen, die Umgebung, das heißt, ich habe eine gesunde Auswahl, aber da habe ich eben die Auswahl. Und das macht uns als Menschen immer zufriedener, wenn wir ein bisschen die Wahl haben. 

Till [00:06:37] Ja, absolut. Kann ich für mich selber bestätigen und ich denke, jeder da draußen kann das auch nachvollziehen. Lassen sich einige von diesen Erkenntnissen auch auf das Erwachsenenalter übertragen? Also sprich, sie haben auch im Adipositas Training gearbeitet und in der Prävention kann man diese Dinge auf sich selbst anwenden, wenn man jetzt ja sich selbst kontrollieren muss und man hat da keine andere Instanz mehr, die über einem steht. Gibt es da Möglichkeiten? 

Verhaltensmodifikation im Erwachsenenalter

Prof. Dr. Katja Kröller [00:07:03] Ja, also im Prinzip sind es tatsächlich die gleichen Regeln. Man muss sich eben nur ein bisschen selbst beschummeln. Also wenn ich für ein Kind eine Umgebung schaffe, dann habe ich ein Ziel. Und was ich für mich selbst häufig oder was wir eben häufig wahrnehmen, ist, dass ich dort denke „Na ja, ich schaff das schon, das nicht zu essen oder das anders zu machen“. Und im Prinzip muss man diese gleichen Regeln, also dass ich die Umgebung für mich schaffe, dass ich Wahlmöglichkeiten schaffen, dass ich mir zum Beispiel beim Einkaufen vorher schon auf den Zettel schreibe, ich will Gemüse, dann darf ich mir aussuchen, welches Gemüse, aber eben mit einem gewissen Plan einkaufen gehe. Es ist tatsächlich extrem effizient, genau diese Strukturen auch für sich als Erwachsener einzurichten. 

Till [00:07:53] Ja, klingt auf jeden Fall logisch. Also ich denke auch das ist genauso wie beim Training. Ich sage auch den Leuten immer „Geht niemals ohne einen Trainingsplan ins Gym“. Und genauso würde ich den Leuten auch raten „Geht niemals ohne einen Einkaufszettel einkaufen“. Und da kann man sich ja auch so Hinweisreize setzen, dass man jetzt beispielsweise sagt „Okay, wenn ich jetzt wieder was zu essen brauche, meine Vorräte sind leer, dann schreibe ich erst mal nur gesunde Sachen auf meinen Einkaufszettel“ und dann kann man sich den nächsten Hinweisreiz setzen. „Wenn ich den Supermarkt betrete, dann kaufe ich wirklich nur die Sachen, die auf meinem Einkaufszettel stehen“. Ich glaube, diese Art von Planung und Hinweisreizen. Damit kann man glaube ich recht viel erreichen. 

Prof. Dr. Katja Kröller [00:08:36] Ja, wobei ich einen Einwand hätte ich an der Stelle, weil sonst sind wir wieder bei den Verboten. Also der Planung kann ich schon zustimmen, ich würde aber tatsächlich absichtlich, aber eben auch geplant, etwas Ungesundes draufschreiben. Also mir einfach überlegen Okay, worauf hatte ich denn in den letzten Tagen besonders Lust? Und in dieser Planung kann ich dann nämlich auch noch gucken. Okay, kaufe ich mir jetzt den Liter Eimer Eis oder kaufe ich irgendwie einen bestimmten Schokoriegel oder so? Und da das jetzt ein bisschen für die Umwelt natürlich nicht ganz so gut, aber ich empfehle beispielsweise an der Stelle auch einzeln verpackte Süßigkeiten. Wegen der kleinen Menge, weil es viel befriedigender ist, wenn ich etwas aufessen kann. 

Till [00:09:26] Absolut. 

Prof. Dr. Katja Kröller [00:09:27] Und so eine Schokoladentafel, die eben einmal angebrochen ist, die ruft. Und wenn ich die aber so eine kleine oder eben so einen kleinen Riegel aufgegessen habe, dann ist es auch erledigt. Dann ist das Papier weg. Also dann ist gut. Und das würde ich schon auch absichtlich mit auf den Zettel schreiben, denn ansonsten ist sozusagen die Ecke mit den Süßigkeiten oder was auch immer ich eben besonders gerne mag und mir nicht so zuträglich ist. Die ist sonst auch wieder sehr verlockend. 

Till [00:09:56] Ja, das ist absolut nachvollziehbar. Okay, also die Verbote dann wirklich komplett lassen. Und ist es dann sinnvoll, in der Situation sich auch zwei, sozusagen verschieden schlimme Süßigkeiten aufzuschreiben? Also Sie sagten gerade ein Liter Eis oder einen Schokoriegel, sodass man sich dann in dem Moment, wo man sich für das kleinere Übel entscheidet, auch das Gefühl hat Boah, ich habe jetzt was Richtiges gemacht und so seine eigene Selbstwirksamkeit damit stärken kann. Wäre das gut oder sucht man sich lieber zwei kleine Übel aus, zwischen die man sich entscheidet, um das Risiko zu verringern? 

Prof. Dr. Katja Kröller [00:10:28] Ja, tatsächlich ist die Antwort hierauf ein bisschen schwierig, weil die Leute unterschiedlich sind. Also es gibt schon einfach Menschen, also die könnten diesen Liter Paket Eis einfach nicht widerstehen. Allerdings habe ich die besten Erfahrungen damit gemacht, dass man tatsächlich keine Verbote machen soll. Es gibt auch dieses Prinzip des achtsamen Essens und da ist eine ganz wichtige Übung drin, die für die meisten Menschen auch sehr erhellend ist. Dass ich als allererstes mir mein Lieblingsessen kaufe und dann stelle ich sicher, dass von meinem absoluten Lieblingsessen, das kann Eis, Schokolade, was auch immer sein, auch immer was zu Hause ist. Die Tatsache, dass das da ist, also dass ich nicht denken muss „Ah, ich würde so gerne, aber ich kann jetzt nicht“ sorgt bei den meisten Leuten dazu, dass sie dann weniger davon essen. Es hat schon so ein Sicherheitsgefühl. Ich muss jetzt nicht so viel essen wie geht, weil ich nur eine Ausnahme machen, sondern ich kann in einer Stunde auch wieder ein bisschen Eis essen. Und wenn ich will in zwei Stunden wieder und dann kann ich das auch eher aus dem Kopf verdrängen. Und ich denke nicht mehr die ganze Zeit dran. Es gibt aber eben Personen, für die ist es wirklich schwierig. Für die ist Essen auch häufig eher so eine Art Bewältigung von bestimmten Problemsituationen oder auch Ablenkung oder irgendwie so was in die Richtung und da funktioniert es manchmal nicht. Also da ist dann doch ein bisschen mehr Kontrolle nötig. Ansonsten würde ich tatsächlich dazu raten, dieses Experiment mal auszuprobieren, weil das extrem entspannend ist. Jede Kontrolle, die ich ausübe, fordert Aufmerksamkeit von mir. Und immer, wenn es dann stressig wird, an irgendeiner anderen Stelle, also Job oder was auch immer passiert, wird diese Aufmerksamkeit gesenkt. Ganz automatisch. Und dann fällt mir die Kontrolle extrem schwer. Dann habe ich einen Rückfall in Anführungszeichen und das demotiviert dann wieder. 

Till [00:12:40] Genau da kann es dann ja auch zu diesem bekannten Abstinenzverletzungseffekt kommen. Wenn man jetzt irgendwie das Gefühl hat, man ist in so einer schwarz-weiß Welt irgendwie entweder ich ernähre mich nämlich nur gesund oder ich ernähre mich nur schlecht. Das ist sehr schwierig. Insofern kann ich das total nachvollziehen, dass es sinnvoll ist, beide Welten verfügbar zu haben und aus sicheren Grauzonen zu bewegen. Und eben nicht so dieses ganz krasse Entweder mache ich alles richtig oder alles falsch. Das ist diese Denkweise. Ist leider bei vielen noch verwurzelt in den Köpfen. Und ich finde das einen sehr spannenden Ansatz, den aus dem achtsamen Essen. Gibt es da noch mehr Ansätze, die man irgendwie mal kurz besprechen könnte? 

Achtsames Essen

Prof. Dr. Katja Kröller [00:13:21] Genau. Also was glaube ich auch, relativ bekannt, aber extrem wichtig ist, ist dieses langsame, bewusste Essen. Und da kann ich auch nur die Empfehlung geben, dass das auch nicht etwas ist, was ich immer haben muss. Also wir können nicht immer mit voller Aufmerksamkeit alles machen, aber einfach immer zwischendurch wieder daran zu denken, wie schmeckt das, was ich da gerade esse, was esse sich da eigentlich? Oder ich mache das zum Beispiel auch mit meinen Kindern manchmal, dass ich irgendwie was gekocht habe und dann sage „Okay, was ist das für Gewürz?“ oder eben auch selbst mache, wenn ich jetzt essen gehe oder so. Also bestimmte Dinge versuche raus zu schmecken. Also dann kriegt die Achtsamkeit noch so ein Ziel. Das macht es mir zumindest leichter. Aber immer wieder sich darauf besinnen, dann wird man automatisch langsamer beim Essen. Und gerade, wenn ich insgesamt beispielsweise viel Stress habe, dann sieht man das häufig auch beim Essen. Und das ist also rein biologisch, wenn ich schneller esse, merke ich weniger gut, dass ich satt bin. Und das andere ist wieder das Psychologische. Ich kann es eben auch schlechter genießen als es rauscht so an mir vorbei. Vielleicht auch etwas, um das noch ein bisschen deutlicher zu machen, einmal ein Stück Schokolade kauen und einmal so lutschen im klassischen Sinne. Das ist wie ich habe eine Tafel gegessen oder eben nur so mini Krümel, weil da Welten dazwischen liegen. Einfach von dem, was sich an Geschmack merke oder auch wie lange ich dann diesen Geschmack tatsächlich auch habe. Und da aber eben auch nicht so On-Off, weil ich viel erlebt habe, dass die Leute eben sagen „Ja, das mit der Achtsamkeit ist zwar gut, aber das kann ich eben nicht immer“. Und wenn ich hungrig bin, dann esse ich schneller. Alles okay. Aber immer, wenn man gerade wieder dran denkt, dann ruhig mal wieder bewusst draufgucken, langsamer essen und so weiter.  

Till [00:15:25] Ja, klingt sehr interessant. Ich finde diesen Ansatz wie gesagt sehr, sehr gut, dass man eben nicht versucht, den Leuten so Regeln aufzudrücken, die immer funktionieren müssen, denn das führt in der Regel nur dazu, dass die relativ schnell abspringen, weil sie merken, sie können sich nicht immer dranhalten. Und ich glaube auch, dass dieser Genuss dabei total eine Rolle spielt. Wenn man jetzt dieses Schokoladenbeispiel nimmt, wenn man schnell Schokolade kaut und runterschluckt, dann ist natürlich diese körperliche Einstellung auf Genuss gar nicht da. Und wenn ich mich wirklich darauf einstelle, ich will es jetzt genießen und genießen, hat er immer so ein bisschen so ein Aspekt von Ich schalte alle Sinne ein, ich schmecke das, ich lasse es lange im Mund zergehen und so. Das hilft den Menschen natürlich auch, diese positiven Effekte, die man davon hat, viel besser wahrzunehmen, als wenn ich jetzt mal eben schnell reinstopfe. Es gibt auch zwei Typen, die mit Stress unterschiedlich umgehen, also diejenigen, die bei Stress gar nichts essen, solange sie arbeiten, wird dann komplett alles weggefahren und dann wird abends richtig reingehauen. Und dann gibt es die anderen, die immer so Snacken, zwischendurch, die sich die ganze Zeit was reinschieben. Beide Varianten sind ja irgendwie schlecht. Gibt es so eine Möglichkeit, dass da auch an der richtigen Stelle vermitteln wird, warum regelmäßige Nahrungsaufnahme vielleicht schlauer ist als diese seltenen und dann riesigen Mengen oder eben auch ständig kleine Mengen sich reinzuziehen? Gibt es da irgendwelche Tricks? 

Tipps und Tricks, um eine regelmäßige Nahrungsaufnahme einzuführen

Prof. Dr. Katja Kröller [00:16:57] Also was ich tatsächlich an der Stelle empfehle ist einmal essen, was auch wirklich die Stimmung, Konzentration, das Stressempfinden beeinflusst. Da gibt es Lebensmittel, die helfen auch wirklich. Das kann man nachweisen und dann muss es aber eben auch „Snackbar“ sein. Also ich kann von niemandem verlangen, der total gestresst ist und mit seinen Gedanken irgendwie bei den tausend Aufgaben, die er gerade machen muss, dass er sich jetzt hinstellt und kocht. Das funktioniert nicht und das wäre auch wirklich zu viel verlangt. Aber dann zu sagen Okay, ich stelle mir gesunde Snacks bereit. Also einfach so das klassische, wenn ich weiß, ich nehme jetzt mal Milch als Beispiel, ich habe den ganzen Tag über Lehrer und schaffe es einfach nicht, mich in Ruhe dazwischen hinzusetzen. Dann mache ich mir morgens einfach eine Box, wo Gemüse fertig geschnitten ist und wo ich zum Beispiel auch Nüsse dabeihabe. Das wäre jetzt so ein klassisches Lebensmittel. Das funktioniert total gut, weil es halt schnell essbar ist, mir sowohl Energie bringt, was den Stress ein Stück weit reduziert und eben auch Konzentrationsfähigkeit wieder bringt. Und das ist dann das, wo ich dann denjenigen, die ich berate, eben auch immer darum bitte, das einfach mal auch bewusst auszuprobieren. Also mal ein Tag, das zu probieren, mit den Nüssen. Und meistens merken die dann auch, dass es viel besser geht mit den Nüssen, die sie nebenbei essen, weil sie nämlich nicht ganz so gestresst sind, weil nicht noch diese Unterzuckerung praktisch dazu kommt. Da muss man so ein bisschen überlegen und da bin ich auch jemand, der jetzt nicht. Also natürlich empfehle ich auch immer frisch zu kochen, möglichst viel selbst zu machen. Aber an der Stelle hat uns die Industrie doch auch mittlerweile viele Möglichkeiten gegeben, wo man schon snackt, in dem Sinne, es muss schnell gehen, aber wo es doch auch gesünder ist. Das denke ich, kann man dann eben auch mal machen. 

Till [00:19:01] Ja, immer das geringste Übel auswählen. Und das wäre in dem Fall, wenn man weiß okay, ich habe auf jeden Fall einen stressigen Tag, dann einfach gesunde Snacks nehmen. Und ja, Nüsse sind natürlich eine gute Wahl. Man kann sich auch Gemüsesticks, vielleicht sogar mit Nussmus. Das hat noch einen schönen Nebeneffekt, es macht auch Spaß. Da gibt es viele verschiedene Varianten und ich glaube, das ist für viele da draußen ein ganz, ganz toller Hinweis, sich mal zu einfach nur ganz kurzen Gedanken zu machen. Dazu was, was stelle ich mir einfach hin? Und genug trinken ist natürlich auch immer eine wichtige Sache, vor allem Wasser. Das hilft auch genau. Das war ja so der kurzfristige Fall, was kann ich in solchen Situationen machen? Um mal von dem langfristigen Fall ausgehen? Jemand sagt Okay, ich bin übergewichtig, ich möchte gerne abnehmen. Welche Kompetenzen, welche Fähigkeiten helfen diesen Menschen, das durchzuziehen? Und wie kann man die fördern? Was gibt es da? 

Gesunde Gewohnheiten etablieren

Prof. Dr. Katja Kröller [00:19:56] Also das Allererste, was man sich angucken muss, wenn es um langfristige Verhaltensänderung geht, ist eigentlich die Gewohnheit, also wir machen das meiste, was wir tun aus Gewohnheit. Was jetzt grundsätzlich erstmal gut ist. Ich vergleiche das immer mit dem Zähneputzen. Ich zum Beispiel hätte ein extrem komisches Gefühl und könnte wahrscheinlich auch das Haus nicht verlassen, wenn ich mir nicht die Zähne geputzt habe. Ich merke bei meinen Kindern, dass man das trainieren muss. Die haben da nicht so viel Probleme mit. Und das ist aber so ein klassisches Prinzip der Gewohnheit. Also wenn ich ein Verhalten, eine bestimmte Anzahl oft gezeigt habe, es einen Trigger gibt, dann musst du auch noch eine Belohnung geben, dann wird das zur Gewohnheit und das kann ich relativ schnell erreichen. Also ich kann Gewohnheiten schneller aufbauen, als ich sie wieder verliere. Und der erste Tipp wäre an der Stelle eben erstmal gesunde Gewohnheiten zu etablieren. Also das, was ich jetzt gesagt habe, mit den Gemüsesticks, also dafür zu sorgen, dass ich jetzt jeden Tag einmal Obst und einmal Gemüse esse, indem ich es mir mitnehme, ist tatsächlich relativ einfach. Alles, was ich tun muss, ist zu planen. Wie mache ich das? Es dann ein paarmal zu tun und mir irgendwie Hilfestellung zu basteln, dass ich mich eben eine Zeit lang daran erinnere. Und relativ schnell wird es dann so zur Gewohnheit, dass mir eigentlich praktisch was fehlen würde, wenn ich es jetzt nicht habe. Und das wäre das, was ich als Erstes empfehlen würde. Dass man einfach mal kritisch guckt, was sind eigentlich so kleine Verhaltensweisen, die mir gar nicht so wichtig sind, die aber dafür sorgen, dass ich mich beispielsweise nicht gesund ernähre oder dass ich mich nicht genug bewege, was ja so die klassischen Säulen des Übergewichts wären.  

Till [00:21:49] Okay, damit habe ich dann angefangen, ersten Schritt gemacht und habe es vielleicht geschafft, ein bisschen mehr gesunde Nahrungsmittel in meine Ernährung einzubauen. Wie ist es denn mit den schlechten Gewohnheiten, die man hat, das ist dann ja der andere Punkt. Beispielsweise ich habe die Gewohnheit, ich trinke abends immer ein Bier oder ich esse am Wochenende immer zwei Packungen Chips oder sei es sonst was. Rauchen vielleicht auch. Es gibt ja ganz unterschiedliche Möglichkeiten, da anzugehen. Gibt es ja auch Tricks, wie man das wieder verlernen kann? Oder gibt es Dinge, die einem dabei helfen können? 

Schlechte Gewohnheiten loswerden

Prof. Dr. Katja Kröller [00:22:23] Auf jeden Fall. Man muss sich dessen bewusst sein, dass das schwer ist. Ich habe mal gelesen, Mark Twain hat irgendwie gesagt, eine Gewohnheit muss man die Treppe herunter prügeln oder so ähnlich, ich kriege das Zitat nicht mehr richtig hin. Aber das ist tatsächlich so. Also man muss Aufwand betreiben, um eine Gewohnheit wieder loszuwerden. Ich habe gute Erfolge bisher gehabt oder sehen können, mit klassischen Strichlisten. Wenn ich mal dieses Beispiel nehme: Ich esse abends immer noch Snacks, wenn ich mich vom Fernseher ausruhe, und das möchte ich nicht mehr so, dann passiert in jedem Fall, ich setze mich vor den Fernseher und sofort, das ist nämlich eine Gewohnheit, auf die der Körper auch reagiert, werde ich Lust auf Süßigkeiten haben. Jetzt muss ich aufmerksam sein. Ich muss mich kontrollieren, um die Süßigkeiten nicht zu holen und dafür bräuchte ich eine Belohnung. Jetzt wäre natürlich das kontraproduktiv, mich mit Schokolade zu belohnen. Und was ganz schön ist, ist eine Liste zu haben. Bei Kindern verteilen wir beispielsweise Smileys, die sie in eine Liste kleben dürfen, die am Kühlschrank ist. Ganz ehrlich zu sein, wirkt es bei Erwachsenen genauso. Man kann aber auch einen Strich machen. Wichtig ist, dass ich immer nur einen Strich mache oder ein Smiley darauf klebe, wenn ich es geschafft habe. Also es muss so sein, dass die Liste etwas Positives wiedergibt, sodass wenn die Liste größer wird oder mehr Striche da sind, dass mir ein positives Gefühl gibt. Ganz schlecht wäre es zu sagen Okay, immer wenn ich versagt habe in Anführungszeichen und mir doch Schokolade geholt habe, dann mache ich einen Strich, denn das wirkt demotivierend. Deswegen sage ich ja immer der Kühlschrank, kann aber jeder andere Ort sein, aber es sollte was Zentrales sein, wo immer, wenn ich vorbeigehe, ich diese Liste sehe. Und das ist nämlich genau das, was die Selbstwirksamkeitserwartung fördert, nämlich das Gefühl, ich kann etwas schaffen. Und wir wissen mittlerweile ganz gut, dass Verhaltensänderung nur funktioniert in allen Ebenen, wenn ich genügend Selbstwirksamkeitserwartung habe. Also wenn ich zum Beispiel etwas tue, ich versuche abzunehmen, weil ich gerade einen Herzinfarkt hatte, dann ist die Angst vor einem erneuten Herzinfarkt extrem hoch. Ich habe eine hohe Risikowahrnehmung, aber die Angst wird weniger im Laufe der Zeit und deswegen wird die Motivation auch kleiner. Und das, was mich über eine lange Zeit, eine wirklich lange Zeit trägt, ist Selbstwirksamkeitserwartung, also das Gefühl, ich erreiche tatsächlich etwas. Das kann so eine Strichliste tatsächlich gut symbolisieren.  

Till [00:25:23] Ja, das klingt ja super hervorragend. Also ich glaube auch, dass die Selbstwirksamkeit in allen Konzepten, die es dazu gibt, es im Gesundheitsverhalten eine zentrale Rolle spielt. Und insofern, da sind sich alle einig in dem Bereich wissenschaftlich. Das ist sehr selten und insofern was Besonderes, würde ich mal behaupten. Und die Reihenfolge könnte man dann tatsächlich so setzen, dass man sagt: Als allererstes Mal den Kopf einschalten und das überhaupt bewusst machen, dass diese Gewohnheit da ist. Und wenn man diese Gewohnheit erkannt hat, dass man das immer macht, dann hilft so eine Visualisierung und eine Strichliste. Und ich sage mal, das ist ja auch total cool, wenn man so eine Liste führt. Man kann die ja auch anderen zeigen und die dann sogar auch noch mit involvieren. Guckt mal, so gut bin ich schon geworden. Das machen Kinder sehr, sehr gerne, wenn die beispielsweise lernen, richtig aufs Klo zu gehen. Da gibt es ja auch solche Listen, da sind auch Verhaltensänderungen. Und insofern das ist ja bereitet ja wirklich Freude. Und am Ende kann man sich dann vielleicht als Bild an die Wand hängen, wenn man damit eine Gewohnheit erfolgreich etabliert hat und macht sich immer wieder präsent. Ich habe das geschafft, das war ich selber. Guck mal, da kann ein Strich machen, weil ich das geschafft habe und kann somit seine eigene Wirksamkeit, die Selbstwirksamkeit erhöhen und einfach feststellen, dass man in der Lage ist, etwas an sich zu verändern, was ja vielen wirklich fehlt. Gerade am Anfang. Wie ist das denn im Adipositas Training? Gibt es da auch ein paar Praxisbeispiele, wie ein positiver Weg aussehen kann und was vor allem auch die größten Hürden sind, warum Leute vielleicht auch scheitern und dann doch wieder in ihre alten Muster zurückfallen. 

Die größten Hürden im Adipositas Training und wie man sie überwindet

Prof. Dr. Katja Kröller [00:27:00] Das würde im Prinzip genauso ablaufen, wie wir es jetzt auch besprochen haben. Man fängt wirklich mit kleinen Schritten an, nie mehr als sage ich mal, maximal zwei, höchstens drei Dinge auf einmal, die man sich vornimmt und erst wenn die wirklich etabliert sind, vielleicht eben das nächste. Also niemals würde ich jemandem empfehlen, gleichzeitig eine Diät zu machen, mit dem Rauchen aufzuhören und das Haus putzen zu wollen. Aber die größte Hürde ist tatsächlich die, dass man meistens, das ist ja grundsätzlich auch gut, aber kann eben zur Falle werden, am Anfang sehr enthusiastisch ist. Das heißt, man ist hoch motiviert. Und wenn dann aber die Sache stagniert und das ist, was das Kennen, sowohl aus dem Sport als auch bei dem Abnehmen oder beim Essen, da ist es aber hartnäckiger in meinem Leben als beim Sport. Wenn ich jetzt beispielsweise laufen gehe, dann habe ich einen extrem schnellen Erfolg. Also das erste Mal bin ich nach 10 Minuten praktisch kurz vorm Umfallen und wenn ich jetzt aber noch ein zweites Mal und noch ein drittes Mal, das fällt mir sehr, sehr schnell viel leichter. Wenn ich aber in dem Pensum habe, also mal angenommen, ich laufe jetzt irgendwie zweimal die Woche, fünf Kilometer, dann kann das stagnieren und es fällt mir schwer, da weiterzukommen, schneller zu werden oder was auch immer. Und da müsste ich richtig trainieren. Und so ist es beim Abnehmen auch. Am Anfang stecke ich alle Aufmerksamkeit da rein, ich nehme gut ab, bin dadurch motiviert und dann stagniert es. Das hat auf der einen Seite ganz physiologische Gründe und dass der Körper mag nicht so gerne abnehmen, da ist er einfach geizig. Das heißt, das wird dann irgendwann schwieriger werden und dann sinkt aber eben auch automatisch die Motivation. Deswegen bin ich auch kein Freund, der sagt, man macht so eine Gewichtskurve. Das ist auch schön, wenn die immer runtergeht, aber wir wissen, die geht irgendwann nicht mehr runter oder zu mindestens nicht mehr so schnell. Deswegen, wenn ich dann so eine Liste habe, wo ich einfach immer Abstriche machen, für alle Äpfel, die ich gegessen habe oder für jedes Mal Sport, was ich gemacht habe, dann ist es einfach auch gar nicht so wichtig. Wie viel Gewicht habe ich jetzt verloren, sondern ich brauche ein gutes Gefühl, einfach aufgrund der Tatsache, weil ich weitermache. Und es ist manchmal so ein bisschen gemein. In so einem Adipositas-Training bin ich dann immer der Buhmann, der das ganz enthusiastischen und motivierten Klienten sagt. Aber das ist eben was, wo man die Leute darauf vorbereiten muss, sonst sind sie eben frustriert an der Stelle, wo es dann nicht weitergeht. 

Till [00:29:39] Wenn man sich so stark auf diese Waage fokussiert und das immer nur diese Zahl im Kopf und im Blick hat und da passieren ja auch Schwankungen zwischendurch, dann nimmt man vielleicht die anderen positiven Aspekte auch gar nicht wahr, die da eben dahinterstehen. Und ich denke, dass auch ein ganz wichtiger Teil diese Bewusstmachung, was passiert eigentlich alles im Körper? Ist nicht nur mehr Gewicht, weniger Gewicht. Es sind ganz viele andere Dinge, das Energielevel, die Konzentrationsfähigkeit, die Ausdauer, die auch mit einem Gewichtsverlust schon besser wird. Und da sind so viele Punkte, die die eigene Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität erhöhen, dass man vielleicht diese Waage wirklich mal beiseiteschieben sollte und sich einfach nur mal anschauen sollte, wirklich mal tief in sich reinhören sollte. Was passiert eigentlich da gerade mit mir? Was macht dieses gesündere Essen mit mir? Das ist nämlich total schön. 

Prof. Dr. Katja Kröller [00:30:27] Genau. Wir wissen einfach, dass so ein Wohlfühlen, also wirklich auch Körpergefühl, Selbstbewusstsein, relativ wenig mit dem Gewicht korreliert. Also da sind mindestens 5 Kilo Spiel, die wir überhaupt nicht bemerken und die auch jeder andere im Übrigen nicht bemerken würde. Also keiner der mich sieht oder der mich beobachtet, merkt solche Gewichtsschwankungen und deswegen darf man sich da wirklich nicht so abhängig von machen. Während wenn ich jetzt 3 Tage gesünder esse, weniger Süßigkeiten esse, ich mich tatsächlich anders fühlen kann, wenn ich mir dann auch die Chance gebe, das wahrzunehmen. 

Till [00:31:06] Ja, klar. Das ist natürlich auch die Perspektive, wenn man sich dann nur daran krallt und sagt Ich verzichte die ganze Zeit, ist alles so schlimm. Gibt es ja auch so Typen, die das gerne machen und im Vorhinein quasi die Leistung, oder das was passieren kann, schon kleinreden. Insofern diese Handlungswirksamkeit irgendwie runter reden und auch die Kosten auf ihrer eigenen Seite extrem hochsehen. Ich muss auf so vieles verzichten, das kostet mich Anstrengung. Wie kann man solchen Leuten denn das vielleicht auch in einem Training vermitteln, dass die positiven Aspekte überwiegen? Gibt es da Tricks oder erzählt man dann einfach Geschichten von anderen oder lässt man Erfahrungsberichte erzählen? Wie macht man das? 

Prof. Dr. Katja Kröller [00:31:49] Also im Prinzip funktioniert es in meinen Augen in der Regel sehr einfach. Also ich versuche immer, wenn ich so jemanden habe, einfach mal auflisten zu lassen, was er denn glaubt, worauf er alles verzichten müsste. Und dann gucken wir mal, was es denn tatsächlich gibt, beispielsweise in seiner Ernährung. Und immer findet sich irgendwas, was ihm gar nicht so wichtig ist und was man eben ersetzen könnte. Oder andersrum, also wenn ich jetzt zum Beispiel überlege, was müsste ich dann eigentlich alles noch machen, jetzt so von meiner To-do-Liste, dann finden wir ganz, ganz viel. Und ich bin mir sicher, danach bin ich erst erschlagen und kann gar nichts machen, weil ich den Eindruck habe, nie in meinem Leben werde ich damit noch fertig. Also, das ist eine ganz verständliche Reaktion. Und wenn man jetzt das, aber man nimmt und es gibt zum Beispiel so eine Methode, wo man die wichtigsten Dinge oder bisschen beschränkt auf zehn, einfach mal nimmt, also Dinge, die man sich vorgenommen hat oder bei denen man denkt, die sollte man verändern, die schreibt man auf. Und man sortiert die einmal um sich rum dahingehend, dass die Dinge, die mir besonders leicht fallen, näher an mich herankommen und die Dinge, die ich schwerer finde, weiter von mir weg. Und dann sortiere ich sie noch mal nach, was ist mir besonders wichtig? Deswegen ist es wichtig, dass wirklich visuell zu machen, dass sich da was um mich rum sortiere. Wenn ich das nämlich gemacht habe, wird den meisten tatsächlich irgendwann klar Okay, was sind die Dinge, die mir eigentlich wirklich wichtig sind und was ist mir weniger wichtig? Und was würde mir eben wirklich fehlen. Und dann ist es relativ einfach, direkt danach zu sagen Okay, jetzt nehmen wir uns mal zwei von den Sachen raus, die eben gar nicht so gravierend wären, wenn wir sie jetzt weglassen würden und die vielleicht auch eins, was einfach fällt und eins ein bisschen schwerer fällt. Und das versucht man dann einfach mal. Also ich sage mal so, man kann so in so ein Jammer Modus verfallen. Dann zähle ich das einfach immer nur auf. Aber sobald ich mich im Detail damit beschäftige und eben auch gucke, wie sieht das aus? Was gibt es für Vorteile? Was gibt es für Nachteile? Ist es wirklich bespreche auch nicht nur im Kopf darüber nachdenken, sondern da muss man reden, dann fällt das häufig einfach weg. Dann ist es gar nicht mehr so schlimm. 

Till [00:34:18] Ja, das ist eine tolle Strategie und das ist eine tolle Methode. Wird, glaube ich auch in anderen Arten von Therapien und Gesprächstherapie angewendet. Ich glaube, diese Visualisierung der einzelnen Aspekte, die da mit reinspielen, was ist positiv, was ist negativ? Das spielt immer eine sehr, sehr große Rolle, weil man sich Dinge ja doch häufig anders vorstellt, als wenn man dann darüber redet, man merkt man plötzlich, das ist ja doch ganz anders. Insofern dieser Aspekt, das zu visualisieren und darüber wirklich zu sprechen, macht einem manchmal bewusst, was für komische Denkmuster man sich eigentlich angewöhnt hat. Und insofern kann ich das auch wirklich jedem, der da Probleme hat, über. Mal zu starten und mal anzufangen. Nur empfehlen, wirklich auch mal in ein 1 zu 1 Gespräch zu gehen oder eine Gesprächsgruppe zu gehen oder in einer Art Adipositas Training vielleicht rein zu gehen, um diese Dinge mal für sich zu regeln und zu klären. Das ist nämlich extrem hilfreich und wenn man einmal auf dem Weg ist und diese kleinen Schritte macht, habe ich auch schon Podcast darüber gemacht. Der nennt sich „Ein kleiner Schritt, ist besser als keiner“. Der Ralf Bohlmann hat es genannt „consistency beats, intensity“ und das geht alles in dieselbe Richtung, schlägt in dieselbe Kerbe. Kleine Schritte machen und einfach dranbleiben und weitermachen in dem Rahmen, in dem man das eben auch kann und für sich irgendwo verantworten kann. Das ist eine tolle Sache. So kommt man nämlich dann am Ende ans Ziel. Ich habe noch einen letzten Punkt auf meiner Liste und das wäre, weil ich mich damit auch gar nicht auskenne und das auch spannend finde, der Bereich Ernährungskommunikation. Ich habe gelesen, dass sie da auch was machen. Womit befasst sich Ernährungskommunikation? 

Womit sich die Ernährungskommunikation befasst

Prof. Dr. Katja Kröller [00:35:55] Ja, ich fürchte, das kann ich jetzt auch nicht so in einem Satz sagen, weil das sehr unterschiedlich ist. Es ist sicherlich auch, eher ein Kunstbegriff, aber die Idee ist einfach zu sagen. Ernährung betrifft uns immerzu und ständig. Und es gibt eben auch ganz viele Bereiche, in denen wir entweder über Ernährung kommunizieren oder sogar mit Ernährung kommunizieren. Wenn man sich z.B. Bilder bei Instagram oder so mal anguckt, dann sieht man dort viel Essen. Das ist auch eine Art der Kommunikation. Also ich kommuniziere tatsächlich auch mit dem, wie ich esse und also die Idee war, deswegen haben wir auch dieses Netzwerk für Ernährungskommunikation gegründet, diese Dinge mal so ein bisschen zu bündeln und eben auch unter einer wissenschaftlichen Sicht zu betrachten. Und auf der einen Seite sind da zum Beispiel Schulungen dabei, die wir für Laien haben, die wir aber auch für Fachpersonal oder Leute, die sich da eben mehr für interessieren, anbieten. Aber auf der anderen Seite gucken wir zum Beispiel eben auch. Wie wird denn unbewusst auch mit Ernährung kommuniziert? Oder allein die Tatsache, wenn ich Einkaufen gehe und den Blick in die anderen Einkaufswagen werfe. Das ist eine Form der Kommunikation. Und das geht dann ja so weit, dass Werbung, also jetzt eben in dem Fall für Essen, ist auch eine Form der Kommunikation. Also ich versuche ja dem Kunden an der Stelle was einzureden, zu verkaufen, ein bestimmtes Bild und die Art und Weise, wie wir darauf reagieren, ja auch häufig unbewusst. Also, das ist uns ja gar nicht klar. Aber es ist auch einen Kommunikationsweg und insofern ist Ernährungskommunikation glauben ich ganz viele unterschiedliche Dinge, bei denen es in meinen Augen extrem wichtig ist, sie zu verstehen, weil ich beispielsweise auch nur eine gute Beratung geben kann, wenn mir auch klar ist, wie Werbung funktioniert. Da ich zum Beispiel dem Kunden, das auch ein Stück weit gegenüber klarmachen kann und ich dann aber wiederum auch wissen muss Wie kommuniziere ich, wie kommuniziert der Klient? Also was ist ihm wichtig in Bezug auf sein Essen, auf seine Ernährung? Und deswegen lässt sich ganz, ganz viel im Bereich Ernährung wirklich immer wieder auf Kommunikation zurückführen. Und deswegen finde ich diesen Begriff ja bestimmt nicht sehr einfach. Aber er beschreibt unglaublich viel und tatsächlich müssen diese Dinge in meinen Augen auch immer zusammen betrachtet werden. Das beschreibt es dann vielleicht am besten. 

Till [00:38:46] Mir ist da direkt so eingefallen, dass das Fleisch ja häufig mit Männlichkeit in Verbindung gebracht wird. Da hat der Film „Game Changers“ so ein paar Werbebotschaften rausgehauen. Und da habe ich mich sofort auch an die deutsche Werbung erinnert. Und das löst natürlich auch Gefühle bei den Menschen aus, die das gucken. Du bist nur dann Mann, wenn du einen großen Burger isst und genau das Gleiche gilt auch, früher war das glaube ich noch erlaubt, heute glaube ich nicht mehr, aber dass bei der Milchschnitte einem reinen Süßigkeitenprodukt dann mit dem guten aus der Milch geworben wurde. Also das sind schon interessante Aspekte, wo man da teilweise als Mensch, der sich damit befasst, natürlich die Hintergründe kennt. Aber gerade für Laien ist das natürlich super schwer zu durchschauen. Welche Teile dieser Botschaften sind denn nun korrekt? Und was wollen die eigentlich von mir? Und ja, sind da auch solche Dinge in der Ernährungskommunikation mit dabei? So Sprichwort artig? Mir ist auch direkt eingefallen, „es geht um die Wurst“ beispielsweise oder „Liebe geht durch den Magen“. Beschäftigt man sich auch mit solchen Sprichwörtern, wo die herkommen? Und warum die eine Rolle spielen bei uns in der Kommunikation.

Prof. Dr. Katja Kröller [00:40:01] Doch auch, weil die ja auch noch mal klarmachen, wie zentral und wie fundamental auch Ernährung in unserer Sprache drin ist und eben in all dem, was uns sozusagen ausmacht. Und ich will noch mal zu diesem Fleisch Beispiel auch zurückkommen. Wenn ich jetzt Männer in der Beratung habe und ich sage dann oder ich würde sagen, das ist vielleicht schwer auf Fleisch zu verzichten, weil man dann das Gefühl hat, sich weniger als Mann zu fühlen. Alle Männer würden sagen „Nee, nee, also kein Problem“. Und ich glaube das auch, sich bewusst zu machen, zu wissen, dass wir alle diesen Geschlechtsstereotypen, unterliegen. Und eben auch diesen bestimmten Verbindungen, die wir eben mit Essen haben. Und sei es nur die Milchschnitte, wenn wir da Befragungen machen, die meisten Leute, egal ob die jetzt diese Werbung noch machen dürfen oder nicht, bringen Milchschnitte mit Milch in Verbindung und damit auch eher mit etwas Positivem, weil sie Milch eher mit etwas Positivem in Verbindung bringen. Und das ist was, wo die meisten Leute sagen, ich bin kritisch, was Werbung betrifft, ich verfalle dem nicht, aber das stimmt nicht, weil wir dagegen gar nichts machen können, weil das tatsächlich ganz unbewusste Strukturen, Stereotype angreift. Und wenn ich den Mann in der Beratung habe, wo ich gerne hätte, dass der weniger Fleisch ist, dann muss ich schon zusehen, dass ich irgendwas finde, was diese Männlichkeit nicht komplett infrage stellt. Und wenn ich weiß, dass der beispielsweise gerne grillt, dann ist auch irgendwie klar, dass man so Mini Sprüche bekommt. Allein, dass wir auch häufig im Alltag sagen, dass es eine richtige Wurst und das ist die falsche Wurst. Es macht einfach einen Abstand und macht eine Abstufung und das ist dann in unserem Unbewussten einfach auch automatisch drin. Und deswegen kann ich das tatsächlich nicht unberücksichtigt lassen. 

Till [00:42:16] Ja, das ist viel Bewusstmachung sicherlich auch notwendig, dass man diese Reflexe, die man dann in Situationen, wo man dann doch eben der Werbung oder diesen Botschaften verfällt, in dem Moment wirklich dann auch wieder die Denkprozesse anschmeißt und vielleicht in den Situationen öfter mal versucht, sich bewusst zu beobachten wie handele ich eigentlich? Denn es ist immer leicht, so zu sagen Nein, ich, ich kriege das hin, ich kann das differenzieren und im nächsten Moment greife ich dann doch zu. Und in dem Moment, wo ich zugreife, müssen wir vielleicht die Frage stellen warum nehme ich das jetzt eigentlich und nicht das andere? Das ist total spannend. Ich glaube, das ist ja noch relativ jung, das Gebiet, wenn ich das richtig sehe. Gibt es da irgendwelche besonderen Ziele? Also es gibt so ein Endziel, wo man hin möchte, mit der Gesundheitskommunikation, des Verstehens, der Handlung oder der Kommunikation. Oder geht es um die Interaktion, die Schnittstellen? 

Wunschziele für die Gesundheitskommunikation

Prof. Dr. Katja Kröller [00:43:13] Ich glaube, da ist es wirklich schwer zu sagen. Also da kann ich mir gar kein Endziel vorstellen, weil ich glaube, das geht immer weiter und immer weiter. Ich glaube, da geht es wirklich um mehr Verständnis von Beziehungen, also so diesen ganzen komplexen Zusammenhängen, die es dort gibt und dann eben auch wieder die Anwendung darauf. Wie kann ich sie zum Beispiel in eine Verhaltensänderung überführen und dergleichen, also auch Sprache. Also muss ich vielleicht tatsächlich in meinem Sprachgebrauch, wenn ich solche Sprichwörter benutze, was verändern? Oder ist das unbeteiligt von dem, wie ich mich ernähre? Das wissen wir nicht. Also da wissen wir nicht, wie groß der Anteil tatsächlich ist. Und deswegen glaube ich, das ist in einem Feld, wo es immer weiter gehen wird, wo wir immer wieder Baustellen in Anführungszeichen haben werden. Aber ich glaube, es ist eben wichtig, sich damit zu beschäftigen. Was so mein Ziel oder mein Wunsch vielleicht auch für andere Wissenschaftler und Leute, die sich damit beschäftigen, wäre, ist dass Ernährungskommunikation für mich auch so ein Sinnbild für Interdisziplinarität ist. Also ich guck nicht nur in meinem Feld, wie viele Kalorien sind da drin, wie viel Mineralstoffe, Vitamine etc., sondern ich gucke auch, was macht das mit den Menschen? Welche Stimmung wird aktiviert? Aber beim Essen ist es eben auch sehr stark, da wirken nicht alleine Vitamine. Also wenn ich eine schlechte Verbindung mit diesen Lebensmitteln habe, dann können da so viele Vitamine drin sein, wie sie wollen. Wahrscheinlich hilft es meinem Immunsystem auch nicht, auch wenn ich es essen würde. Und das ist tatsächlich was, wo man interdisziplinär zusammenarbeiten muss. Und das wäre so mein Ziel, Wunschtraum für die Zukunft, dass das noch viel mehr passiert. 

Outro

Till [00:45:05] Das finde ich auch echt ein total gutes Schlusswort für diesen Podcast, weil im Endeffekt ist das auch so ein bisschen unsere Mission. Wir versuchen ja wirklich aus allen Bereichen Informationen zusammenzuführen, die den Menschen helfen, gesünder zu sein und zu werden. Und insofern würde ich mich einmal ganz herzlich bedanken. Frau Dr. Kröller, das war ein super Gespräch. Ich selber habe total viel gelernt, war sehr erhellend. Und ja, vielen Dank, dass Sie mein Gast gewesen sind. 

Prof. Dr. Katja Kröller [00:45:33] Ja, bitte schön, war sehr schön. 

Till [00:45:36] Das freut mich dann an alle Hörer da draußen noch mal gerne. Stellt auch noch Fragen zu dem Podcast, den wir gerade gemacht haben. Falls euch irgendwas einfällt in die Kommentare oder schickt uns eine Voicemail oder sonst was rüber, behandeln wir gerne und beschäftigen uns gerne mit. Und dann hören wir uns nächste Woche zu meinem nächsten Podcast und bis dahin Tschüss, macht’s gut, bleib gesund. 

Anmerkung der Redaktion: Der Wortlaut wurde stellenweise angepasst, um Versprecher und andere irrelevante Passagen zu entfernen.

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